Unbestimmtheitsspielräume Algorithmischer Geflechte
Unbestimmtheitsspielräume algorithmischer Geflechte in zeitgenössischer Kunst

2016
Diplomarbeit
Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main

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Die Kernthese lautet, dass in algorithmischen Geflechten zunehmend ein Unbestimmtheitsspielraum vorhanden ist oder sich eröffnet, welcher einer Betrachtung außerhalb der Technomathematik bedarf und dass sich die Kunst auf Grund ihrer wesentlichen Unbestimmtheit als ein mögliches Außerhalb dazu eignet.

Algorithmen werden als eigenständige Technologie angesehen. Als unbestimmt gelten Bestandteile algorithmischer Geflechte, die Vages beherbergen: auf Grund der Ablösung von konkreten Phänomenen kann ein und derselbe Algorithmus verschiedene Funktionen einnehmen; die unüberschaubaren Datenstrukturen neuronaler Netzwerke entziehen sich der menschenmöglichen Bestimmbarkeit; es liegt ein Unbestimmtheitsspielraum zwischen theoretischer Notation und praktischer Exekution vor; im Zusammenspiel mehrerer Algorithmen können diese sich ihrer intendierten Bestimmung entziehen.

›Unbestimmtheit‹ ist seit Baumgartens Begründung der Ästhetik eine basale Eigenschaft zwischen Subjekt und Objekt einer ästhetischen Erfahrung. Die Objekte entziehen sich auf Grund ihrer sinnlichen Phänomene einer endgültigen Bestimmung, vielmehr lösen sie fortwährend neue Bestimmungsversuche aus. Algorithmen operieren hingegen unterhalb der Oberfläche und zeichnen sich dadurch aus, unsichtbar und still zu sein. Werden sie gelingend in der Kunst verhandelt, erscheinen sie in wahrnehmbaren Phänomenen und ermöglichen ein ästhetisches Spiel. Ihnen wird ein Unbestimmtheitsspielraum eröffnet, der ihnen im funktionsorientierten Alltag enteignet wurde. Darin werden sowohl Subjekt als auch Objekt berücksichtigt: Ein unbestimmter subjektiver Umgang mit dem Objekt – frei von einer externen Nutzenbestimmung – ist gleichermaßen möglich wie ein unbestimmter objektiver Umgang: das Objekt steht im Kontakt zur Außenwelt, ohne dass dieser Kontakt ausschließlich der subjektiven Kontrolle unterworfen ist. Algorithmische Prozesse, deren Wenn-Dann-Logik im alltäglichen Gebrauch nicht verhandelbar ist, werden innerhalb der Kunst aus ästhetischer Sicht verhandelbar.